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Was hat Forschung mit dem Nationalsozialismus zu tun?

Die Universität hatte eine große Bedeutung für das NS-Regime. Viele Forschungsfelder waren kriegswichtig, andere waren von antisemitischen und eugenischen Vorstellungen geprägt. So auch an der Universität Innsbruck, die von 1940 bis 1945 Deutsche Alpenuniversität hieß. 1939 wurde hier das Erb- und Rassenbiologische Institut gegründet. Leiter war der nationalsozialistische Rassenhygieniker Dr. Friedrich Stumpfl. „Beforscht“ wurden u.a. die Jenischen (Karrner) in Tirol. Auch mit den Gesundheitsämtern gab es eine Zusammenarbeit. So wurde die Universität Teil des Systems der sogenannten NS-Euthanasie.

Nach dem Ende des NS-Regimes konnte Stumpfl seine wissenschaftliche Karriere fast bruchlos fortsetzen.

Diese Episode unterstreicht die tiefgreifende Verstrickung der Universität in das NS-Regime.

Wir tragen Verantwortung dafür, uns mit dieser Vergangenheit der wissenschaftlichen Gemeinschaft auseinanderzusetzen und Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen.

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„Wissenschaft und Universität wurden nicht einfach von außen vereinnahmt und missbraucht, wie es nach 1945 häufig dargestellt wurde, sondern waren jederzeit aktiv in der Gestaltung von Politik und Gesellschaft beteiligt und dementsprechend mitverantwortlich.“ (Friedmann/ Rupnow 2019: 292) Natürlich war es für Universitäten und Professor:innen angenehmer sich darauf zurückzuziehen, „nur“ Wissenschaft betrieben zu haben und mit Politik, mit dem Nationalsozialismus, nichts am Hut gehabt zu haben. Die Forschungen und Archive belegen jedoch etwas anderes. Dies soll hier exemplarisch gezeigt werden. Es geht um das Institut für Erb- und Rassenbiologie, politisch-ideologisch involvierte NS-Wissenschaftler und deren Selbstdarstellung nach dem Ende des NS-Regimes, „nur“ geforscht oder sogar widerständig agiert zu haben

Die Universität in Innsbruck und ihre Geschichte

Zum 350 Jahre Jubiläum der Universität Innsbruck ist 2019 eine zweibändige Ausgabe zur ihrer Geschichte erschienen. Die Aufarbeitung des 20. Jahrhunderts nimmt einen eigenen Teilband ein, den Ina Friedmann und Dirk Rupnow vom Institut für Zeitgeschichte in Innsbruck verfasst haben. Ein wesentlicher Teil dieses Bandes widmet sich der Rolle der Universität im Nationalsozialismus. Seit den 1980er Jahren erschienen Arbeiten zur NS-Geschichte der Universität von Seiten des Universitätsarchivs, vor allem durch Gerhard Oberkofler, später auch von Peter Goller. Dennoch: Eine umfassende Aufarbeitung erfolgte mit 2019 doch recht spät.

Da stellt sich die Frage: Warum tut sich eine so wichtige gesellschaftliche Institution so schwer ihre Rolle im Nationalsozialismus kritisch zu beleuchten? Baut nicht die Wissenschaft auf eine freie und offenen Forschung – zumindest in der Idealvorstellung?

Die Institution Universität ist durch viele formelle und informelle Ausschlussmechanismen gekennzeichnet. Um studieren und später lehren zu können muss man bestimmte Bildungsabschlüsse nachweisen. Das konnte bis auf die letzten fünf Jahrzehnte nur ein äußerst geringer Teil der Gesellschaft. Dadurch wurde die Universität zu einem sozial homogenen Ort: männlich, weiß und vorwiegend aus einem bürgerlichen Hause. Die Differenzen waren meist weltanschaulicher Natur. So waren die 1920er Jahren stark von Konflikten zwischen katholischen und deutschnationalen Studierenden sowie Lehrenden und Forschenden geprägt. Jüd:innen gab es an der Universität in Innsbruck nur wenige. Frauen ebenfalls. Bis heute sind mehr als 2/3 der Professor:innen männlich. Auch die Zahl jener, die sich zur Sozialdemokratie bekannten, war historisch in Innsbruck sehr gering. Der Höchststand der Vereinigung sozialistischer Hochschüler und Akademiker betrug in der 1. Republik 40 Mitglieder. (vgl. Friedmann/ Rupnow 2019: 131)

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten im März 1938 bedeutete sowohl für 54 Hochschullehrer:innen als auch für viele Studierende Ausschluss und Vertreibung aus politischen, religiösen oder, um hier eine NS-Diktion zu verwenden, „rassischen“ Gründen.

Als neuer Rektor wurde der Historiker und NSDAP Parteigänger Harold Steinacker eingesetzt, unter seiner Leitung kam es an der Universität zu vier Institutsneugründungen. Eine davon wird nun näher beleuchtet.

Das Erb- und Rassenbiologische Institut

Im April 1939 kam es zur Gründung des Erb- und Rassenbiologischen Instituts. Untergebracht wurde es in der Müllerstraße 44. Als Leiter wurde der drittgereihte Kandidat Dr. Friedrich Stumpfl ausgewählt. Welche Bedeutung hatte ein solches Institut für das NS-Regime?

Die Genetik oder die Lehre der Vererbung wurde Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt und in der Folge wurde sie ein wichtiges wissenschaftliches Forschungsfeld. In diesem Zusammenhang entwickelte sich auch die Eugenik. Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie: von guter Abstammung. Es handelt sich also um die Erbgesundheitslehre. Ihre wichtigsten Ziele bestanden in der biologischen Verbesserung des Menschen und parallel dazu in der Eliminierung von unerwünschten Erbanlagen, Krankheiten und auch Menschen. Dieser Zuchtgedanke war zu Beginn des 20. Jahrhunderts weit verbreitet und kam im NS-Regime durch die Praxis der Rassenhygiene und „Rassenpolitik“ zur Umsetzung. Bereits im Buch Mein Kampf verkündete Adolf Hitler, dass der „völkische Staat“ die „Rasse in den Mittelpunkt des allgemeinen Lebens zu setzen“ hat und er habe auch „für ihre Reinhaltung zu sorgen“. Daher gilt es dieser Ideologie zufolge zu verhindern, dass Menschen im Eigeninteresse trotz „eigener Krankheit und eigenen Mängel“ Kinder zeugen. (Hitler 1939: 446)

Wie sollte der „völkische Staat“ das umsetzen? Hitler hatte hier klare Vorstellungen:

„Er hat die modernsten ärztlichen Hilfsmittel in den Dienst dieser Erkenntnis zu stellen. Er hat, was irgendwie ersichtlich krank und erblich belastet und damit weiter belastend ist, zeugungsunfähig zu erklären und dies praktisch auch durchzusetzen.“ (ebd: 447)

Für die Umsetzung dieser rassenhygienischen Maßnahmen war ein Austausch und die Kooperation zwischen universitärer Forschung, den Krankenhäusern, anderen Gesundheitseinrichtungen und der Politik notwendig. So geschah es auch im Gau Tirol-Vorarlberg.

Alles ist hier noch im Fluss

Im März 1940 gab Friedrich Stumpf in einem Schreiben über die Aufgaben und Ziele seines Instituts Auskunft. Darin heißt es zu Beginn:

„Die Erbbiologie des Menschen und die Rassenbiologie stehen am Anfang einer Entwicklung, die in Anbetracht der gewaltigen, noch immer nicht abgeschlossenen Fortschritte der exakten Vererbungswissenschaft (Genetik) und im Hinblick auf die rassenhygienischen und bevölkerungspolitischen Aufgaben unserer Staatsführung für die Zukunft des Volkes von grosser Tragweite sein wird. Alles ist hier noch im Fluss.“ (Stumpfl 1940)

Im ausformulierten Forschungsplan wird er konkreter und nimmt dabei auf die „Besonderheit des Landes Tirol“ Rücksicht. Diese hänge nämlich damit zusammen, dass

„hier von einander unterschiedene Bevölkerungsgruppen vielfach seit Jahrhunderten in grosser Geschlossenheit zusammenleben. Die Inzucht, ganz allgemein bei urwüchsigen Bauernbevölkerung eine häufige und an sich keineswegs zu sogenannter Degeneration führende Erscheinung, ist in manchen Bergtälern besonders stark.“ (ebd.)

Stumpfl entwickelte daher die Idee, erbbiologische Untersuchungen an ganze Talschaften durchzuführen und diese zu vergleichen.

„Es ist deshalb geplant, die gesamte Bewohnerschaft eines Tales, in dem gewisse Erbmängel durch Inzucht angereichert wurden und dazu führten, dass die Mehrzahl der männlichen Bewohnerschaft nicht wehrfähig ist, zu erfassen und der eines anderen Tales gegenüberzustellen, das bei ebenso grosser Inzucht durch besondere körperliche und geistige Fähigkeiten den Durchschnitt erheblich übertrifft.“ (ebd.)

Solche Erhebungen, Untersuchungen und Gegenüberstellung wären Stumpfl zufolge nicht nur wissenschaftlich von Interesse, ihnen käme auch

„in Hinblick auf bevölkerungspolitische Probleme und Aufgaben, etwa Umsiedlungsfragen, eine grosse praktische Bedeutung zu. (...) Im ganzen sollen diese Untersuchungen dazu dienen, auf begrenztem Raum eine für das ganze Reich vorbildliche erbärztliche Bestandsaufnahme durchzuführen.“ (ebd.)

Auch Personendaten fließen

Im selben Jahr schrieb Stumpfl an den Landessanitätsdirektor und Leiter des Gauamts für Volksgesundheit Hans Czerkmak, dass er bald „erbbiologische und rassenbiologische Untersuchungen in Angriff“ nehmen werde und bat um Unterstützung seiner Mitarbeiter.

„Es sind zunächst Erhebungen an Höchstbegabten der Stadt Innsbruck geplant, und zwar an Bildhauern und Malern, sowie Familienforschungen an Schwachsinnigen, ausgehend von Kindern einer Hilfsschule, die durch meinen Mitarbeiter Herrn Scrinzi durchgeführt werden sollen, ferner in Zusammenarbeit mit Professor Scharfetter Sippenuntersuchungen an Psychopathen, wofür die entsprechenden Ausgangsfälle schon gesammelt werden, und an Kriminellen.“ (Friedmann/ Rupnow 2019: 301)

Der in diesem Brief erwähnte wissenschaftliche Mitarbeiter Otto Scrinzi war zu dieser Zeit SA-Sturmführer und NSDAP Parteimitglied. Nach dem Ende des NS-Regimes wurde er Chefarzt einer psychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses Klagenfurt. Bekannt wurde Otto Scrinzi vor allem als Politiker, zunächst als Abgeordneter des VdU (Verband der Unabhängigen) und später als rechtes Urgestein der FPÖ.

Bei Czermak stieß Stumpfl mit seinen geplanten „erb- und rassenbiologischen Untersuchungen“ auf Wohlwollen. Er beauftragte schließlich die Gesundheitsämter damit, ihn zu unterstützen, „erbkranke Familien namhaft“ zu machen „und Auskünfte aus der Erbkartei“ zu erteilen. (Friedmann/ Rupnow 2019: 303) Besondere Unterstützung, auch was die finanzielle Seite betraf, erhielten Stumpfl und sein Assistent Armand Mergen vom Reichsforschungsrat und von der Gauleitung – vor allem für ihre Forschungen an den „Landfahrenden“, womit die Gruppe der Jenischen gemeint war. Personen dieser marginalisierten Bevölkerungsgruppe wurden in Tirol meist auch „Karrner“ genannt. Mit Hilfe der Daten vom Gesundheitsamt untersuchte Mergen 244 Jenische. Ausgestattet mit einer Personenliste fuhr er nach Hall in Tirol „und lebte fast drei Monate incognito unter Jenischen. Er beobachtete die Menschen Tag und Nacht, erstellte Lebensläufe und Stammbäume.“ (Grosinger 2006: 104) Die Forscher rund um Stumpfl kamen dabei zur These, „dass die „Karrner“ in ihren Erbanlagen asoziale und kriminelle Wesenszüge verankert hätten.“ (ebd.: 104)

Die Jenischen wurden zwar nicht kollektiv der Vernichtungsindustrie des NS-Regimes zugeführt, jedoch lieferten diese Hirngespinste bzw. menschenverachtenden Forschungsarbeiten einen

„wesentlichen Beitrag zu deren rassenhygienischer Erfassung und Behandlung, aber auch zur Verschickung vieler Jenischer in Konzentrations- und Vernichtungslager oder in das Arbeitserziehungslager Reichenau.“ (ebd.: 104)

Neben den wissenschaftlichen Arbeiten und der Weiterbildung von Ärzten in rassenbiologischen und rassenhygienischen Fragen führte Stumpfl auch Gutachtertätigkeiten für das Erbgesundheitsgericht durch.

In den Fängen der Gesundheitspolitik

„Volksgesundheit“ und „Rassenhygiene“ bedeutet Kontrolle. Das medizinische Personal in Gesundheitsämtern, Ärztinnen in Krankenhäusern, Ärzte bei der Musterung, selbst Hebammen wurden angehalten, Meldungen über Krankheiten, vor allem von Erberkrankungen, zu machen. Die Historikerin Ina Friedmann beschreibt es als „engmaschige(s) Netz der gesundheitspolitischen Überwachung“, das durch die „Etablierung der systematischen Erfassung alles ‚Auffälligen‘ und ‚Abweichenden‘“ auf eine „Inventur des Volkskörpers“ abzielte. (Friedmann 2020: 231) Im staatlich eingeführten „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurde festgehalten, was unter „Erberkrankung“ zu verstehen war. So zum Beispiel: „angeborener Schwachsinn“, „Schizophrenie“, „manisch-depressives Irresein“, „erbliche Fallsucht“, „erblicher Veitstanz“, „erbliche Blindheit“, „erbliche Taubheit“ und „schwere erbliche körperliche Missbildung“, oder „schwerer Alkoholismus“. (vgl. Friedmann 2019: 727) Geregelt wurde in diesem Gesetz, wer als „erbkrank“ galt und wer „auch unter Zwang – chirurgisch ‚unfruchtbar‘ gemacht werden sollte“, um Nachkommen mit „schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden“ zu verhindern. (ebd.: 726)

Entschieden wurde dies beim Erbgesundheitsgericht, das für diese Verfahren Gutachten benötigte. Hier kam Friedrich Stumpfl wiederum ins Spiel. Ihm konnten bis dato drei Gutachten als Sachverständiger in Erbgesundheitsgerichtsverfahren nachgewiesen werden. (vgl. Friedmann 2019: 755)

So bei einem 14jährigen Mädchen, das zu diesem Zeitpunkt in der Heil- und Pflegeanstalt Hall unter Aufsicht gestellt war. Stumpfl erstellte ein negatives Gutachten. Darin heißt es u.a.:

„Nach den vorliegenden Beobachtung [sic!] sind offenbar auch die Eltern schwachsinnig und unfähig, eine ordentliche Wirtschaft zu führen. Der Vater ist bei der Bahn, kommt unregelmässig heim, die Mutter ist in der Fabrik und die 14jährige Tochter, die zudem wie 18 aussieht, würde bei ihrer charakterlichen Haltlosigkeit voraussichtlich schon bald geschwängert werden. Vom Standpunkt der Erbpflege und der Bevölkerungspolitik ist in diesem Fall eine Sterilisierung dringend geboten.“ (Friedmann 2019: 756)

Nachdem der Vater von der bevorstehenden Sterilisation erfuhr, versuchte er diese zu verhindern. Vergebens. Gauleiter Hofer bestätigte am 25. Juni 1942 die „Unfruchtbarmachung“. (vgl. Grosinger 2006: 103)

Die Historikerin Ina Friedmann berichtet von ca. 400.000 Zwangssterilisationen, die von 1934 bis 1945 im Deutschen Reich durchgeführt wurden. Für Österreich gibt es Schätzungen von 6.000. (vgl. Friedmann 2019: 738) Trotz der mangelhaften Aktenlage konnten für den Gau Tirol und Vorarlberg bisher 324 Zwangssterilisationen nachgewiesen werden, davon wurden an der Universitätsklinik Innsbruck 90 durchgeführt, 40 an Männern und 50 an Frauen bzw. Mädchen. (vgl. Friedmann 2020: 240)

Wer ist Friedrich Stumpfl? Oder: Wenn Dokumente sprechen

In Archiven lagern tausende Akten, Dokumente und Schriftstücke – analog aber auch digital. Gern wird es mit einem Gedächtnis verglichen, denn es erfasst Erinnerungen, Wissen und Fakten. Aber ein Archiv kann auch sprechen – vor allem, wenn es befragt wird.

Zu Friedrich Stumpfl finden sich ebenfalls einige Unterlagen im Universitätsarchiv und im Innsbrucker Stadtarchiv. Was erzählen nun diese Akten?

Als Teil seiner Bewerbung für die Stelle an der Universität Innsbruck verfasste Stumpfl im Dezember 1938 einen Lebenslauf. Dieser soll in Auszügen wiedergegeben werden:

„Friedrich Stumpfl, geboren am 13.9.1902 in Wien,“ Vater Hofrat im Außenministerium, von der Mutter Anna, erfahren wir nur den Mädchennamen Langhans. Beide aber „nachgewiesen rein arischer Abstammung“. Weiteres über die Familie: „Die politische Gesinnung ist entsprechend einer alten Tradition grundsätzlich grossdeutsch und deutschvölkisch, somit antisemitisch und antiklerikal.“ Stumpfl studierte Medizin sowie Anthropologie und machte eine Ausbildung zum Facharzt der Psychiatrie in Wien. „Ich begann mit biologischen Familienuntersuchungen an Verbrechern und veröffentlichte neben kleineren Arbeiten 1935 eine Monographie über Erbanlage und Verbrechen“ (Stumpfl 1938), für die er nach Eigenangaben auch ausgezeichnet wurde.



„Mein freiwillig gewähltes engeres Fachgebiet, die Erforschung der Zusammenhänge zwischen Erbanlage und sozialem Verhalten im allgemeinen, zwischen Erbanlage und Verbrechen im besonderen, dient der wissenschaftlichen Unterbauung und der lebendigen Verbreitung des rassenhygienischen Gedankens. Es ist somit untrennbar mit der Fundament des Nationalsozialismus verbunden.“ (ebd.)

Über diese Verbindung gibt Stumpfl weiter Auskunft. Seine Forschung habe ihn zwar dermaßen beansprucht, dass er sich nicht politisch im Sinne des Nationalsozialismus betätigen konnte, jedoch verstehe er seine „gesamte Arbeit“ als „eine politische nationalsozialistische Tätigkeit.“ Ein bisschen Zeit war Stumpfl dennoch geblieben, um politisch aktiv zu werden. „Seit 15.12.1934 habe ich im Rahmen des Hilfsbundes (Kampfbundes) der Deutschösterreichischer im Reich illegal für die NSDAP gearbeitet.“ Im März 1938 erlangte er noch die Deutsche Staatsangehörigkeit und, was er zu der Zeit noch nicht wissen konnte, im Juli 1939 wurde er auch Mitglied der NSDAP.

Im Entnazifierungsakt von 1946 steht hingegen etwas anders. Auch hier berichtet Stumpfl von seinen großen Forschungsarbeiten in den 1930er Jahren:

„Die Ergebnisse dieser Forschung habe ich damals in wissenschaftlichen Zeitschriften, Monographien, Handbuchbeiträgen u.s.w. niedergelegt. Da es sich um höchst aktuelle Probleme handelte (Erbanlage und Verbrechen), wurde mir wiederholt nahegelegt der Partei beizutreten. Ich konnte jedoch damals mit Hinweis auf die ausschließliche Beanspruchung durch meine Forschungstätigkeit diese Anträge ablehnen und habe mich in der ganzen Zeit auch politisch in keiner Weise betätigt.“ (Stumpfl 1946)

Erst als er die „Professur für Erbbiologie erhalten hatte“, war er „gezwungen der Partei beizutreten.“ Aber Stumpfl wusste sich zu wehren.

„Bewußt habe ich es unterlassen, eine nationalsozialistische Rassenlehre vorzutragen und versuchte vielmehr den Studenten gegenüber (…) die innere Verlogenheit der sog. nat. soz. Weltanschauung bloßzulegen.“ (ebd. 1946)

Widerständige Handlungen legte er auch vor dem Gericht an den Tag.

„Bei den Jugendgerichten versuchte ich die Härten gewisser nat. soz. Maßnahmen zu mildern und insbesondere die politisch Verfolgten zu schützen. Aus keiner dieser Tätigkeiten habe ich irgendeinen materiellen Gewinn gezogen. (…) Der brutale Mord des nat. soz. Staates an Geisteskranken, hat meine Frau, die auch Psychiater ist, und mich veranlaßt, jeder Zeit im Gespräch mit Kollegen und Laien gegen diese staatl. Maßnahme bedingungslos Stellung zu nehmen. Auch die Euthanasie haben wir jeder Zeit öffentlich verurteilt.“ (ebd.)

Kurz: Stumpfl war durch und durch Antinationalsozialist.

„Meine Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus ist an den maßgebenden Stellen nicht unbekannt gewesen. Wie aus dem beigefügten Schreiben von Prof. Scheminzky hervorgeht, war meine antinationalistische Einstellung amtsbekannt.“ (ebd.)

Die erwähnte Person war Dekan der Medizinischen Fakultät Innsbruck und er bestätigte dies wirklich und noch mehr. Am Institut habe sich rund um Stumpfls Assistenten Dr. Armand Mergen „ein Zentrum der österreichischen Widerstandsbewegung“ formiert.

„Auch verdanken ihm Tausende von ‚Volksschädlingen‘, die Tiroler Karrner, die Rettung von dem sicheren Tode durch Vergasung, die Prof. Stumpfl als international anerkannter Fachmann durch Abgabe von entsprechenden Gutachten verhindern konnte.“ (Scheminzky 1947)

Epilog

Von dieser „Widerstandsbewegung“ am Erb- und Rassenbiologischen Institut sind außer im Entnazifizierungsakt von Friedrich Stumpfl bis dato keine historischen Unterlagen aufgetaucht, es finden sich auch in der Literatur keine näheren Erkenntnisse.

Nach 1945 ging es darum die Gesellschaft zu entnazifizieren, was zur Erlassung entsprechender Gesetze mündete (Kriegesverbrechergesetz, Nationalsozialistengesetz). Dabei wurden Kategorien entwickelt, um den unterschiedlichen Beteiligungsformen am NS-Regime gerecht zu werden. Unbelastete, belastete oder minderbelastete. Stumpfl galt als Minderbelasteter. Nun versuchte er jeglichen NS-Bezug abzustreifen, sogar seine Parteimitgliedschaft deutete er, da er ein Parteibuch nie erhalten habe, in eine Partei Anwärterschaft um. Eine Widerstandserzählung passte da gut ins Bild. Bis 1947 blieb er sogar Leiter seines Instituts, das einfach in Institut für Anthropologie und Erbbiologie umbenannt wurde. Nach dessen Schließung zog Stumpfl nach Salzburg und leitet die Kinderpsychiatrische Beobachtungsstation, später ging er nach Wien. In den 1950er Jahren kehrte er wieder an die Universität Innsbruck zurück und hielt Vorlesungen an der forensischen Psychiatrie der medizinischen Fakultät. 1997 verstarb er in Innsbruck. Eine Distanzierung von seinen NS-Forschungen und seinen Aktivitäten für das NS-Regime gab es von seiner Seite nie. Warum auch? Nach seinem Selbstverständnis war er „nur“ Wissenschaftler und eigentlich sogar im Widerstand.

Literatur und Quellen

Friedmann, Ina (2020): (Sexual-)Hygiene, Erbgesundheit und der Staat. Das Innsbrucker städtische Gesundheitsamt und die Universitätskliniken im Nationalsozialismus, in: Matthias Egger (Hg.), „… aber mir steckt der Schreck noch in allen Knochen.“ Innsbruck zwischen Diktatur, Krieg und Befreiung 1933–1950, Innsbruck, 223–248.

Friedmann, Ina (2019): Vom Standpunkt der Erbpflege und der Bevölkerungspolitik ist in diesem Fall eine Sterilisierung dringend geboten“. Kooperationsformen der Universität Innsbruck mit den Erbgesundheitsgerichten in Tirol und Vorarlberg zwischen 1940 und 1945, in: Margret Friedrich/Dirk Rupnow (Hg.), Geschichte der Universität Innsbruck 1669–2019. Band II: Aspekte der Universitätsgeschichte, Innsbruck, 723–774.

Friedmann, Ina/ Rupnow Dirk (2019): Die Universität im 20. Jahrhundert. Teilband 2, von :Margret Friedrich/Dirk Rupnow (Hg.): Geschichte der Universität Innsbruck 1669-2019. Band1: Phasen der Universitätsgeschichte, Innsbruck

Goller, Peter: Die Medizinische Fakultät der Universität Innsbruck im „März 1938“, in:

https://www.uibk.ac.at/universitaetsarchiv/medizin-innsbruck-1938/ (aufgerufen am 24.4.2024)

Grosinger, Elisabeth (2006): Pseudowissenschaftliche Forschung über Jenische während und nach der NS-Zeit. I n: Gaismair-Jahrbuch

Lechner, Christian (2013): Das Innsbrucker Institut für Erb- und Rassenbiologie. In: hrg. Österreichischen HochschülerInnenschaft (Hg.): Österreichische Hochschulen im 20. Jahrhundert. Austrofaschismus, Nationalsozialismus und die Folgen, Wien

Schreiber, Horst (2009): „Angesichts des erheblichen Schwachsinns und der (…) psychopathischen Minderwertigkeit ist Sterilisation zu fordern. In: Gaismair-Jahrbuch, online unter: https://www.horstschreiber.at/texte/angesichts-des-erheblichen-schwachsinns-und-der-psychopathischen-minderwertigkeit-ist-sterilisation-zu-fordern/ (aufgerufen am 23.4.2024)

Humanwissenschaften als Säulen der "Vernichtung unwerten Lebens". Biopolitik und Faschismus am Beispiel des Rassehygieneinstituts in Innsbruck. In: Erziehung heute, Heft 1, 1999 oder unter: https://bidok.uibk.ac.at/library/ralser-unwert.html#idm56 (aufgerufen am 23.4.2024)

Universität Innsbruck: Verfolgt – vertrieben – ermordet: https://www.uibk.ac.at/de/newsroom/ verfolgt-vertrieben-ermordet/, (aufgerufen am 23.4.2024)

Universitätsarchiv Innsbruck:

022_uai_Personalakt Friedrich Stumpfl

Stumpfl (1940): Aufgaben und Ziele des Instituts für Erb- und Rassenbiologie

Stumpfl (1938): Lebenslauf - Zur Bewerbung des Dr. med. habil. Friedrich Stumpfl,

Stadtarchiv Innsbruck:

Entnazifizierungsakt von Friedrich Stumpfl

Stumpfl (1946): Anlage I, Anlage zur Registrierung von Prof. Dr. med. Friedr. Stumpfl

Scheminzky (1947): Anlage III, Abschrift, Dekanat der Medizinischen Fakultät Innsburck

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